Melanie Verhovnik

„Man muss nicht alles machen, was man machen kann“: Interview mit Dr. Melanie Verhovnik

Den Auftakt in der Vortragsreihe „Neu-Justierung journalistischer Normen“ machte Dr. Melanie Verhovnik. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Journalistik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. In ihrem Beitrag befasste sie sich mit der Problematik über die Berichterstattung von School Shootings.

Welcher Unterschied besteht zwischen Amokläufen und School Shootings?

Dr. Melanie Verhovnik: Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass School Shootings von langer Hand geplant sind und auch sehr kühl und überlegt durchgeführt werden. Das ist etwas völlig anderes als ein Amoklauf.

Welche Fehler begehen die Medien bei der Berichterstattung über School Shootings?

Bei der Berichterstattung über School Shootings ist es besonders wichtig, sich nicht auf einen einzelnen Risikofaktor zu versteifen. Medien sollten nicht einen einzigen Faktor als tatentscheidend hervorheben, da das ein völlig falsches Bild des Phänomens School Shooting liefert. Klassischerweise werden zum Beispiel die sogenannten Killerspiele oder auch der Zugang zu Waffen als tatentscheidend herangezogen. Das sind zwei relevante Faktoren, aber nur im Zusammenwirken sind diese dann wirklich für den Prozess relevant, bis es zum School Shooting kommt.

Welche Kritik haben Sie an der jetzigen Berichterstattung der Medien, wenn es speziell um das Thema Amokläufe geht?

Mein hauptsächlicher Kritikpunkt ist, dass die Medien einzelne Faktoren als tatentscheidend herausheben. Mein zweiter Kritikpunkt ist, dass den Tätern eine mediale Bühne geboten wird. Täter sind inzwischen dazu übergangen, ihren Auftritt in den Medien in ihre Planung mit einzubeziehen. Sie treffen zum Beispiel bestimmte Vorbereitungen, machen Bilder von sich und stellen diese ins Netz. Außerdem treten sie während der Tat oder kurz vorher an die Medien heran und die wiederum greifen diese Sachen auf und verbreiten sie dann auch noch. Natürlich ist ein School Shooting ein Thema, dass viel Quote bringt, aber die Medien haben eine gewisse Verantwortung. Ich kritisiere vor allem, dass diese mediale Bühne nicht geschlossen wird, sondern, dass sie im Gegenteil den Tätern geboten wird.

Was für eine Berichterstattung würden Sie sich für Amokläufe wünschen?

Ich wünsche mir eine verantwortungsbewusstere Berichterstattung. Das hat jetzt nichts damit zu tun, dass ich davon ausgehe, dass alleine eine verbesserte Berichterstattung dazu beiträgt, dass es solche Ereignisse nicht mehr gibt. Dann würde man ja auch wieder die Medienberichterstattung als tatentscheidend sehen. Das ist nicht so. Das ist zwar auch ein Faktor des Ganzen, aber ich komme ja jetzt aus den Bereich Medien- und Kommunikationswissenschaften. Daher kann ich mich nur mit der Frage beschäftigen, was die Medien tun könnten und da würde ich eben sagen, dass vor allem die sensationalistischen Berichterstattungen deutlich reduziert werden müssten. Also am besten keine Titelseiten, keine Sondersendungen zur großen Frage warum oder weshalb. Sondern eine sehr reflektierte Berichterstattung und im Fokus sollten nicht die Täter stehen, sondern eine möglichst sachliche Berichterstattung, wie es dazu kommen kann. Also dass man zum einem darstellt, welche Faktoren wirken und zum anderen, das man den Täter nicht als Antiheld feiert.

Warum wird in den Medien noch der Begriff Amoklauf benutzt?

Ich erkläre mir das so: Ich konnte in meiner Studie nachweisen, dass dieser Amoklauf-Begriff vor allem mit dem Ereignis in Erfurt im Jahr 2002 etabliert wurde. Davor war es relativ häufig das Wort Massaker. Der Amoklauf-Begriff hat sich seitdem extrem vervielfältigt. Bis zu 90 Prozent aller Begrifflichkeiten entfallen auf das Wort Amok oder Amoklauf. Es ist einfach ein sehr eingängiger Begriff. Die meisten Menschen können sich unter Amoklauf etwas vorstellen. Es hängt aber auch damit zusammen, dass meiner Meinung nach auch Medien und Journalisten ein falsches Bild von School Shootings haben. Nämlich, dass ein Auslöser bei einem Jugendlichen dazu führt, dass er völlig durchknallt, nach Hause geht, die Waffe seines Vaters holt, in die Schule geht und seine Mitschüler erschießt. So ist es eben nicht! Aber es ist natürlich eine sehr einfache Kausalkette, unter denen sich die meisten Menschen was vorstellen können. Die Medien dienen ja dazu auch, Komplexität zu reduzieren und das ist eben eine Interpretation der Geschehnisse, die sich da sehr eingängig verfestigt hat. Das ist meine Erklärung.

Welchen Rat würden Sie Nachwuchsjournalisten geben?

Erstens: Man muss nicht alles machen, was man machen kann. Ein Großteil der Fehler, die in der Berichterstattung zu Winnenden passiert sind, resultieren daraus, dass offensichtlich keine Zeit war, überhaupt einmal kurz innezuhalten und darüber nachzudenken, was man da gerade macht. Es ist wichtig, dass man das Ganze entschleunigt. Man muss nicht alles zuerst haben und man muss auch einmal darüber nachdenken, was für sinnlose Sachen man macht. Ein Beispiel: In Winnenden haben Focus-Reporter permanent getwittert was sie gerade tun, wie zum Beispiel: Der Chefredakteur hat ein Budget für zwei Zahnbürsten freigegeben, wir bleiben in Winnenden. Solcher Nonsens muss nicht sein! Also hier wäre es besser sich als Journalist zurückzunehmen, innezuhalten und zu reflektieren, ob das, was man gerade tut, richtig ist. LISA MANN

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